Wo bist du, João Gilberto?

Ein Film von Georges Gachot

In Rio de Janeiro verbrennen in einem Museum grosse Tele brasilianischer Kulturgegenstände: Rio real. Ein Filmregisseur macht sich auf die Suche nach der klandestin lebenden Bossa Nova-Legende João Gilberto: Rio irreal.

Der Regisseur Georges Gachot steht wie eine Scherenschnittsilhouette am Fenster eines Hotels und blickt sinnend durch weisse Vorhänge auf die Hochhäuser von Rio. Wo bist du, João Gilberto wird Gachot sich noch des Öfteren in diesem Film fragen. Die Kamera begleitet die Suche optisch, zoomt hier auf ein beleuchtetes Fenster im zwölften Stockwerk, durchforstet dort Fassade um Fassade. Gachot hat sich auf die Suche nach dem Bossa Nova-Mythos João Gilbert gemacht, der seit Jahren in Rio freiwillig in einer geheimnisvollen Retraite lebt.

Der Film "Where are you, João Gilbert? / Wo bist du, João Gilberto?" basiert auf einem Buch des deutschen Autors Marc Fischer, der sich als eingefleischter Fan und mit deutscher Gründlichkeit im Jahr 2010 obsessiv in Rio auf die Suche nach seinem klandestin lebenden Idol João Gilberto gemacht hatte und die verzweigten Recherchen in einem Buch dokumentierte. Regisseur Gachot, der sich die Rechte an dem Buch sicherte, pirschte nun für seinen Film diesem detektivischen Trip auf cineastische Weise nach.

Wie kommt man an den Mann ran?
Der Regisseur treibt nach und nach etliche der Protagonisten auf, welche in Fischers Buch vorkommen – etwa jene Watson genannte wuchtige und das blühende Leben verkörpernde Carioca (Carioca = Einwohner von Rio) die Marc Fischer - als Sherlock Holmes - bei seinen Recherchen behilflich war. Ältere Herrschaften und der anerkannt beste Interpret/Imitator von Gilberto, die die Bossa Nova-Zeit noch erlebt haben, feiern auf einem nächtlichen Trottoir Joãos Geburtstag mit den geschichtsträchtigen Songs, während ringsherum das zeitgenössische Rio pulsiert, welches sich in völlig anderen und modernen Sounds ausdrückt und auslebt. Gachot zeigt im Übrigen - dem Thema entsprechend – die ausgesprochen schönen Seiten von Rio: mit bunten Mosaiksteinen ausgelegte Spazierwege am Strand, das rauschende Meer, die üppige Vegetation der Hügel, gemütliche Cafés.

Es kann hier nicht die komplette Bossa Nova-Geschichte ausgebreitet werden, deren Höhepunkt zwischen 1958 und 1964 florierte. Trotzdem ein paar Fakten: Aus Bahia stammend, kam João Gilberto zum ersten Mal 1951 nach Rio, das er bald wieder verliess. Als er dann 1958 zurückkehrte und zur Bossa Nova-Szene in Rio stiess, hatten bereits Musiker wie Tom Jobim das existenzialistische Genre ins Leben gerufen; Gilbertos wichtigster Beitrag war die eigenwillige Rhythmik, die er auf seiner Gitarre erfand. Und zwar nicht in Rio, sondern in Diamantina, einem Kaff in Minas Gerais, wohin sich der Musiker zurückgezogen hatte. In einem Hotel benutzte er das Bad als "Musikzimmer" und dort soll der musikalische Groschen gefallen sein.

Ein Bad in Diamantina
Fischer und Gachot sind deswegen in das ländliche Städtchen Diamentina gereist - und sie haben beide den ziemlich unappetitlichen Kloraum mit seiner türkisblauen Toilette gefunden. Gachots Aufnahmen in diesem Kabuff, das er geradezu andächtig inspiziert, gehören denn auch zu den schrillsten Szenen des Films.

Was genau hat denn João Gilberto erfunden? Es ist im Grunde genommen einfach: er verpasste der Bossa Nova einen auf eins betonten Zweiviertel-Rhythmus. TÁ-tah-TÁ-tah-TÁ-tah… Ein an sich leicht verklemmter Groove und das genaue Gegenteil von Reggae. Dazu lebt seine Musik von schrägen und überraschend ungewöhnlichen Harmoniewechseln und Melodien, die die öfters dadaistisch-poetischen Texte tragen.

Zurück in Rio versuchen Fischer/Gachot ihr "Opfer" weiter einzukreisen, obwohl sie - Fischer beschreibt das in seinem Buch - immer wieder zu hören bekommen, das sei doch bloss ein komischer alter Mann mit einem grossen Problem, der gehöre doch in eine Anstalt undsoweiter. Regelmässigen Kontakt mit Gilberto haben eigentlich nur noch seine zweite Frau Miúcha und sein Manager. Alle anderen ehemaligen Freunde wie João Donato oder Marcos Valle sprachen ihn seit Jahren nicht mehr und der in einer dschungelartigen Gegend wohnende Roberto Menescal trägt noch eine besondere Note zur Mythenbildung bei: Gilberto sei gefährlich, er könne mit dämonischen Kräften Leute vereinnahmen und zerstören.

Das Ende dieses gerade in seiner etwas absurden Abseitigkeit - Bossa Nova als Szene gibt es längst nicht mehr, die musikalische Legende wird durch Nostalgiker künstlich am Leben erhalten - sehr schönen und aussergewöhnlichen Films soll nicht verraten werden. Ein Land, das eben bei einem Museumsbrand viel Geschichte verloren hat und das generell in einer Krise steckt, erhält mit diesem Film eine lebendige Dokumentation eines wichtigen Teiles seiner grossartigen Musik.

Hans Keller

[Bilder: Ipanema Beach, João Donato, Aussicht auf Ipanema, Film-Flyer ]

Filmstart in der ganzen Schweiz am 13. September 2018
Buchtipp: Marc Fischer / Hobalala - Auf der Suche nach João Gilberto (Suhrkamp)

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